Motorradreisen und Dies und Das

Einmal Siebenbürgen und zurück

Nach der USA-Durchquerung ist nun die zweite Motorradreise von meiner Bucket-Liste fällig: Nach Siebenbürgen. Das will ich seit mindestens 30, vielleicht auch seit 50 Jahren machen. Also los.

Montag, 15. April.

Ich sitze in einem kleinen Hotelzimmer in Hegyeshalom, direkt hinter der österreichisch-ungarischen Grenze, 500 km von zuhause, das Ende der ersten Etappe meiner Siebenbürgen-Reise.

Heute vormittag hat natürlich alles ein wenig länger gedauert als geplant. Ein, zwei Anrufe, ein paar Mails, noch schnell einen Kaffee, und schon ist es halb elf. Dazwischen das Motorrad bepackt, dabei festgestellt, dass wieder viel zu viel Geraffel mitreist. Aber ich bin allein mit der Africa Twin, habe also zwei Koffer, mein neues Hepco&Becker-Topcase sowie einen Ortlieb-Packsack nur für mich. Das Zelt muss mit, einfach, weil ich mir eine Motorradreise ohne Zelt nicht vorstellen mag. Und zum Zelt gehört dann auch Schlafsack, Isomatte, Kocher, Gaskartusche, ein Topf, Kaffee, ein Milchfläschen. Und ein paar Müsliriegel. Als Not-Frühstück. Werde ich alles noch gebrauchen können, wie sich herausstellen soll – bist auf Zelt, Isomatte und Schlafsack.

Volltanken in München, es ist kalt und ein wenig feucht

Was ich zuhause lasse: den Actioncam-Kram. Ich mag keine Filme drehen, Youtube ist voll mit schlechten Motorradreise-Videos, da braucht’s meine nicht auch noch. Und das Stativ für die Kamera, brauch ich auch nicht, beschließe ich im letzten Moment. Das Headset mit Telefon- und Musikanschluss darf ebenfalls nicht mit. Ich will auf dem Motorrad nicht telefonieren, Musikhören oder Hörbücher lenken nur ab. Und reden muss ich sowieso mit keinem, weil ich allein unterwegs sein werde.

Was dagegen mitgeht: das Thermofutter meiner IXS-Motorradjacke. Zum Glück, in München ist es nasskalt und schon auf den ersten Kilometern auf der A94 nach Osten beginne ich zu frösteln,

Bis Mühldorf am Inn wird es nicht wärmer, da ist es bereits Zeit für eine kleine Mittagspause. Ein Burgerking, na gut, ausnahmsweise. Dann beginnt schon ziemlich bald Österreich, ich kaufe ein Pickerl, kostet nur 5 Euro fürs Motorrad.

Da kommt es hin, das österreichische Pickerl

So muss ich mir keine Gedanken machen, ob ich zwischendurch mal auf der Autobahn Kilometer fressen oder Städte wie Linz oder Wien umfahren will.

Mittagspause in Mühldorf, ausnahmsweise bei Burgerking

Läuft super, an der Donau wird es wärmer, die Sonne heizt richtig, also jedenfalls genug, um nicht mehr zu frieren. Kaffeepause in Melk, es gibt einen großen Braunen, der erstaunliche 3,40 kostet. Ist schließlich nichts weiter als ein doppelter Espresso und ein Mini-Kännchen Milch. Schmeckt zudem nicht so toll, wie es der Preis vermuten ließe. Na ja.

Am Kloster Melk, der Kaffee war teuer, dafür nicht so gut

Die Sonne steht schon schräg, Wien kommt immer näher, das Navi führt mich erst durch die Stadt, weil ich zu spät die Autobahn-Option anwähle. Macht nichts, der Verkehr ist nicht so schlimm, wir, also die Honda und ich, kommen an Schloss Schönbrunn vorbei. Kurz überlege ich, ob ich anhalten soll und ein Selfie mit dem Motorrad vor dem Schloss schießen soll, entscheide mich aber dagegen. Da stehen so viele Menschen drumherum, die Fotos von sich und den Gebäuden machen, da will ich mich nicht dazu gesellen. Places to see before you die: Schloss Schönbrunn, check.

In Wien verfährt sich das Navi etwas, aber irgendwann taucht ein Hinweisschild Richtung Flughafen und Schwechat auf, das ist sicher nicht falsch. Dann noch ein paar Kilometer im Abendlicht, Raffinerie, Flughafen, Grenze, noch ein Pickerl, diesmal ein virtuelles, den Ungarn reicht das Kennzeichen, alles andere erledigen die Überwachungskameras. Kostet 6 Euro.

Das nächste Hotel heißt Barokk – ich finde es via Booking-App – mit zwei kk und ist ein Volltreffer: Barockes Gutshaus mit einfachen, guten Zimmern für 31 Euro. Im Restaurant gibt’s Rinds-Pörkölt mit Nockerln und Soproner Bier für zusammen zehn Euro. Schmeckt prima nach so einem langen Tag mit der Africa Twin.


Am Ende des Tages: Pörkölt und Soproner Bier im fast menschenleeren Speisesaal

Dienstag, 16 April

Klausenburg, das nächste Hotelzimmer, das Hotel heißt Transilvania, das passt ganz gut, dachte ich, als ich es bei über die App aussuchte. Aber der Reihe nach: Früher Start in Hegyeshalom, ich wollte gern an einem Tag nach Klausenburg durchfahren, dabei wieder an der Donau entlang und nach Esztergom und Visegrad fahren. 600 km Landstraße und Autobahn sind ziemlich viel auf dem Motorrad, in den USA sind wir kaum mehr als halb so viel pro Tag gefahren.

Das Verkehrszeichen gibt es bei uns schon lange nicht mehr, in Ungarn wird es immer noch gern genommen

Vor Györ biegen wir von der Autobahn ab, fahren zur Donau, immer der Sonne entgegen. In Komarom wählt das Navi einen eigenartigen Weg Richtung Esztergom, mit kleinem Umweg über die Donau und in die Slowakei. Weil auf der Brücke Stau ist, reicht die Zeit für ein schnelles Foto über dem großen Strom.

Das Navi will über die Donau, und damit in die Slowakei

Visegrad und Esztergom sind nicht so aufregend, vor der großen Kathedrale ist ein Busparkplatz ausgeschildert, Schaulustige pilgern über die Straße, nichts für uns, wir, also die Honda und ich fahren weiter.

Die nächste Entdeckung: Die Straße von Visegrad nach Szentendre ist bestimmt eine der schönsten Motorradstrecken Ungarns. Sie führt über 20 km durch ein Naturschutzgebiet, kurvig, bergig, durch dichten Wald und nur durch ein kleines Dorf namens Pililszentlaszlo – zauberhaft.

Budapest hat aus gutem Grund eine großzügige Autobahnumfahrung, allein die ist die sechs Euro Autobahngebühr allemal wert. Die A4 Richtung Szolnok und Debrecen ist nicht so schön, sie wird gerade ausgebaut, Lkw-Kolonnen, Radarpistolen-Rendörsegs in Octavia-Kombis hinter jedem zweiten Busch. Parallel läuft noch die alte Landstraße 40, die ist einsamer und schöner.

Mittagsrast, ein kleines Lokal, die Speisekarte ist ungarisch, die Bedienung keiner anderen Sprache mächtig. Sie bringt eine deutsche Speisekarte, allerdings sind die Karte nicht deckungsgleich, und nummeriert sind die Speisen ebenfalls nicht. Wir einigen uns auf ein Gericht, stellt sich dann als Schweineschnitzel mit Pommes heraus.

Danach Kilometer fressen in Richtung Oradea, inzwischen sind 20 Grad, in der dicken Jacke wird es warm. Die Grenze, früher gefürchtet, heute ein gelangweilter Grenzer, der einen Blick auf meinen deutschen Personalausweis wirft und mich durchwinkt. Nicht einmal den Helm muss ich abnehmen.
In Oradea ist Rush hour, chaotischer Verkehr und Lkw-Stau von der Grenze. 50 km nach der Stadt wird der Verkehr dünner, ich mache eine Trinkpause und stelle fest, dass ich noch kein Foto in Rumänien gemacht habe.

Die Schatten werden länger, Klausenburg ist nicht mehr weit

In Klausenburg scheint mir der Verkehr gesitteter, das Hotel mitten im Zentrum, 200 Meter von der Kathedrale entfernt. Einchecken, duschen, und danach essen gehen mit meiner bezaubernden Quasi-Nichte Paula, die hier Medizin studiert. Wir gehen in ein traditionelles rumänisches Restaurant, es heißt Roata, das Rad. Wie passend. In den Vinete ist Knoblauch und Mayo drin, aber es schmeckt trotzdem gut, ein schöner Abend. Leider kein sehr langer, Paula muss morgen zur Uni und ich in die Westkarpaten und dann weiter nach Hermannstadt.

Selfies mit Paula in Klausenburg

Mittwoch, 17. April

So, nun muss ich aufpassen, dass ich vor lauter Blogschreiben überhaupt noch zum Fahren komme! Heute war ein wunderbarer Tag, obwohl es anfangs nicht so aussah. Regen in Siebenbürgen, zehn Grad. Da war der Plan, über die Westkarpaten nach Hermannstadt zu fahren, schon mal dahin. Ein Blick auf die Wetter-App: Auf den Passhöhen vier Grad, Nebel und Regen. Das muss ich mir nicht antun.

Also beschließe ich, den direkten Weg zu nehmen, fahre aus der Stadt in Richtung Turda nach Süden. Die ersten Kilometer nach Feleac wurde früher, also bis in die 80er Jahre als Bergrennstrecke genutzt. Start war im Zentrum, dann ging’s bergauf nach Feleac. In den 30ern muss das eine große Nummer gewesen sein: 1938 ist ein Werksteam der Auto Union am Start, Hans Stuck fährt im Typ C Bergrennwagen die Strecke in 2:56, ein Rekord, der bis heute besteht.

Die Strecke ist heute unspektakulär, führt durch Vororte mit Autohändlern, Tankstellen und Schrottplätzen, dann den Berg hinauf nach Feleac, das auf Google Maps aus unerfindlichen Gründen Fleck heißt. Überhaupt ist die Politik, nach der Google in den Karten Ortsnamen in der vermeintlichen Landessprache anzuzeigen, ein Kapitel für sich. Aber ich will mich heute nicht aufregen!

Unten ist Klausenburg, oben Feleac. Und so schnell wie Hans Stuck mit dem 16-Zylinder waren wir auch nicht

Es ist immer noch kalt und regnerisch als ich weiterfahre, dennoch nehme ich nicht die Autobahn, sondern die Landstraße. Die ist fast leer, irgendwann hört es auf zu regnen, doch die Straße ist immer noch nass und rutschig. Angeblich ist die werksseitige Dunlop-Bereifung der Africa Twin bei Nässe gefährlich, und tatsächlich rutscht zweimal das Hinterrad in Vertiefungen, die schwere Lkw-Räder in den Asphalt gedrückt haben.

Das fühlt sich komisch an bei 80 km/h, also fahre ich noch vorsichtiger. Bald bin ich beim Abzweig Richtung Blaj, da steht übrigens nicht „Blasendorf“ bei Google Maps, ich fahre nach links, entlang der Kleinen Kokel, durch Blaj, vorbei an Donnersmarkt bis nach Abtsdorf.

Landstraßen-Romantik auf dem Weg nach Blaj

Die Straße führt weiter nach Schorsten und Haschagen, und letztlich nach Hermannstadt. Ich bin diese Strecke noch nie gefahren, und außerdem ist es eine Abkürzung. Nach Schorsten nehme ich eine noch kleinere Straße, sie ist betoniert und schlängelt sich durch die Hügel, vorbei an Schafherden und Erdgas-Förderterminals. Wir sind ja mitten im Erdgasgebiet Siebenbürgens, nicht weit ist Kleinkopisch, mit der ehemals berüchtigten Russfabrik und der Buntmetallhütte, die die Gegend in ein Umweltinferno verwandelte, dessen Spuren heute noch zu sehen sind.

Bei Schafherden passe ich immer auf, anscheinend reagieren die Hütehunde eigenartig auf Motorräder: sie greifen ziemlich unerschrocken an und laufen bellend und schnappend neben dem Motorrad her, bis ich das Territorium verlasse. Das passiert in zwei Tagen viermal, kann also kein Zufall sein.

Zwischen Schorsten und Haschagen, genau dafür habe ich die Africa Twin gekauft
Improvisierte Kaffeepause mit Tütenespresso, Kondensmilch und zwei Müsliriegeln (nicht im Bild)

In sicherer Entfernung von Schafherden mache ich eine Mittagspause mit Kaffee und Müslriegeln, ich hab ja alles dabei. Und so kommen Kocher und Topf wenigstens zum Einsatz.

Haschagen liegt malerisch in einem Tal, die Kirche scheint verlassen, die Grabsteine auf dem umzäunten Friedhof erzählen traurige Geschichen. Zum Beispiel die eines Paares, kurz nach der Jahrhundertwende geboren, er stirbt im Januar 1942, vielleicht im Krieg gefallen. Das Todesdatum der Frau fehlt, sie ist anscheinend nicht hier gestorben und beerdigt, nur der Name und das Geburtsdatum stehen auf der Marmorplatte.

Grabsteine erzählen traurige Geschichten

Haschagen, von der Kirche aus gesehen

Ich fahre weiter, es nieselt immer wieder. Über Salzburg und Kleinscheuern komme ich nach Hermannstadt und in meine heute morgen vorgebuchte Pension. Sie hat einen Innenhof fürs Motorrad und eine Dusche für mich. Später gibt es einen Burger und zwei Ursus, noch später Champions League im rumänischen Fernsehen. Ein guter Tag.

Donnerstag, 18. April

Für heute habe ich nur einen ungefähren Plan: Ich möchte gern einmal nach Engenthal/Mighindoala, ein Dorf mit nur noch einem Einwohner. Oder gar keinem mehr, man weiß es nicht so genau. Der Ort liegt etwa 40 km entfernt, ich nehme erst die Hauptstraße Richtung Mediasch.

Das heißt zuerst ärgere ich mich, dass ich die Pension mit Frühstück gebucht habe. Das ist nämlich mit 25 Lei, immerhin so um die sechs Euro, sehr ambitioniert gepreist. Ich finde es für ein paar Scheiben Käse und Salami sowie lauwarmen Filterkaffee aus der Thermoskanne und Weißbrot vom Vortag schon reichlich unverschämt. Und überlege, bei Booking eine entsprechende Bewertung zu schreiben, wahrscheinlich werde ich es dennoch nicht tun.

Der einzige fahrbare Weg nach Engenthal soll über Bell führen – auch ein interessanter Ort. Vermutlich gegründet im 12. Jahrhundert von Abkömmlingen eines niederrheinischen Adelsgeschlechts, deren Nachkommen gingen dann im ungarischen Adel auf und nannten sich Bolayi. So heißt der Ort auf Ungarisch. Am Rande des Dorfes auf einer Anhöhe befinden sich die Überreste des Bolayi-Schlosses. Es wurde noch bis in die 70er Jahre genutzt, verfiel dann aber zum Ende der Ceausescu-Ära im Zeitraffertempo. Heute ist bis auf ein paar Mauerreste nichts mehr von dem Schloss übrig.

Die Ruine liegt direkt am Weg nach Engenthal, er ist als Kommunalstraße auf der Karte ausgewiesen. Ich fahren ein paar hundert Meter hoch, sehe mir den Weg an, kehre aber lieber wieder um. Im Wald ist die Straße mit fast metertiefen Spurrinnen ausgefahren, sehr unangenehm mit dem Motorrad. Oder mit allem anderen, was fährt, außer vielleicht mit einem Leo II.

Im nächsten Seitental hinter Engenthal liegt Petersdorf, ein fast ebenso kleiner und einsamer Ort, 15 Kilometer Schotter- und Schlaglochstraße von der Hauptstraße entfernt. Ich fahre hin, leider ist das Wetter immer noch grau.

Petersdorf ist fast ebenso einsam

Ich suche nach einem Weg aus der Sackgasse, entweder südlich nach Engenthal oder nördlich nach Schaal. Es gibt keinen, das sagen auch zwei Alte, die ich auf der Straße treffe. Da fahren manchmal welche mit Motorrädern hoch in Richtung Schaal und Mortesdorf, aber sie sei da schon lange nicht mehr gewesen.

Ich probiere den Weg aus, will schon umdrehen, kippe dabei aber mitsamt Motorrad um. Nicht dramatisch, die Africa Twin fällt auf die Sturzbügel, und alleine aufrichten kann ich sie auch. Später sehe ich auf Google Maps, dass es keine gute Idee gewesen wäre, den Waldweg nach Mortesdorf zu nehmen.

Schaal erreiche ich schließlich auf der Hauptstraße

In Mortesdorf das gleiche Spiel: Gibt es einen Weg nach Meschen? Ich frage wieder zwei Alte auf einem Feld, die mit der Hand und Hacke Mais aussäen. Es gab mal einen Weg, sagt die Frau, der sei aber im Wald durch umgestürzte Bäume versperrt, kein Durchkommen.

Und seit der Revolution sei ohnehin alles schlimmer geworden. Von den Sachsen sei kein einziger mehr da, und die eigenen Kinder arbeiten in Künzelsau bei Würth in der Fabrik, obwohl sie ja alle studiert hätten.

Von der Stelle habe ich vor fast 30 Jahren Fotos gemacht, im Januar 1990
Wurmloch, da scheint ausnahmsweise die Sonne

Nach Wurmloch und Mortesdorf fahre ich nach Meschen, tanke in Kopisch und schaue mir von der Brücke die Reste der Russ- und Säurefabrik und der Buntmetallhütte an, die hier über Jahrzehnte die Gegend verpestet haben.

Dann nehme ich den Umweg nach Hermannstadt, über Magarei, für mich eine der schönsten und bezauberndsten Kirchenburgen. Auf dem Weg zurück regnet es wieder und die Dunlops schmieren ab und zu ein wenig über den Asphalt. Ich bin froh, als ich das Motorrad in den Hof der Pension fahre.

Magarei hat einen ganz eigenen Zauber, es gibt wieder Sonne für ein paar Minuten

Freitag, 19. April

Und schon wieder liegt ein langer, erlebnisreicher Tag hinter mir. Es ist gut, wenn ich einges aufschreibe, sonst vergesse ich wieder die Hälfte. Ich bin recht früh in Hermannstadt gestartet, erstmal in Richtung Gürteln, jener Ort, in dem angeblich nur noch zwölf Leute leben und es seit 1988 keine Geburt mehr gab.

Ich fahre durchs Harbachtal, mache einen Umweg über Marpod, ein Dorf, das ich noch nicht kenne. Eine kleine Überraschung, es ist ein ziemlich großes Dorf, in dem recht viel los ist. Die Kirchenburg sieht vergleichsweise gepflegt aus, nur drumherum sind ein paar historisierende Bauten, wie nachgemachte alte Holzbrücken.

Ich fahre weiter, da ich noch viel vorhabe, muss aber bald wieder anhalten, um Fotos zu machen. Ein schon älterer Mann eggt sein kleines Feld mit Pferd und Egge, direkt vor einer sehr neu aussehenden Erdgas-Förderanlage – Rumänien im 21. Jahrhundert.

Und kurze Zeit später wieder: Ich bin auf einer Anhöhe angekommen, hintern mir weit entfernt Marpod, weiter östlich im Tal und noch nicht sichtbar Kirchberg, Bilderbuch-Siebenbürgen.

Bilderbuch-Siebenbürgen bei Kirchberg

Unten bei Kirchberg nehme ich einen kleinen Umweg über eine Schotterstraße, nur fürs Foto, sieht einfach zu gut aus. Und dann treffe ich eine mutige Entscheidung: Das Navi schlägt einen Weg über Agnetheln vor, ein Umweg von 30 km. Ich konsultiere mein iPhone, und ja, selbst in Kirchberg gibt’s volles LTE, besser als in manchen Gegenden von München, wähle einen Weg über Martinsberg, der direkt nach Braller und dann nach Gürteln führt.

In Martinsberg wird gerade das ehemalige Gemeindehaus in ein Gästehaus verwandelt

Die Straße nach Martinsberg zweigt in Sasaus (ich weiß nicht, wo ich hier die rumänischen Sonderzeichen finde, der letzte Buchstabe wird jedenfalls sch ausgesprochen), Es ist im Übrigen eines jener Dörfer, die ihre sächsiche Bevölkerung schon vor sehr langer Zeit verloren haben, im 15. Jahrhundert, glaube ich. Heute deutet nur noch der Name darauf hin, auf deutsch heißt der Ort Sachsenhausen.

Die Straße nach Martinsberg ist ein zum Teil sehr ausgefahrener Waldweg, an einer Stelle kommt mir ein Holzlaster entgegen. Sonst kein Verkehr, keine Menschenseele scheint hier unterwegs zu sein. In Martinsberg vor der Kirche steht eine kleine Gruppe städtisch aussehender Personen, eine elegant gekleidete junge Frau kommt auf mich zu, sieht mich erwartungsvoll an und sagt, als ich den Helm abnehme, ich sei wahrscheinlich nicht der, auf den sie warteten.

Dann erzählt sie mir, sie seien gerade dabei, das evangelische Gemeindehaus und die evangelische Schule zu restaurieren und in Gästehäuser umzubauen. Und heute hätten sie einen Termin mit Architekt und Investoren. Das Gemeindehaus sieht auf den ersten Blick gut aus, mit mehr Feingefühl und Stilsicherheit restauriert, wie so vieles andere hier.

Der Rundbogen in Tarteln, 14. oder 15. Jahrhunderts

Ich fahre weiter, komme durch Tarteln mit seiner sehr schönen, sehr alten Kirche. Die wirkt ziemlich verlassen, der Zustand scheint aber erstaunlich gut.

Und jetzt komme ich schon selbst mit der Reihenfolge durcheinander, davor war ich natürlich in Gürteln, das tatsächlich sehr verlassen scheint, wie es vor ein paar Jahren in einem Dokumentarfilm im Fernsehen dargestellt wude. Allerdings gibt es einige Baustellen mit davor gelagerten neuen Baumaterialien und irgendwo im Hintergrund ist ab und zu Baustellenlärm zu hören. Später schlappen zwei Männer an mir vorbei, sie grüßen auf rumänisch und verschwinden in der Ruine des Pfarrhauses.

Gürteln scheint nicht ganz so verlassen wie erwartet

Von hier aus ist es nicht mehr weit nach Großschenk, da war ich in den 80ern schon ein paar Mal, ein großes Dorf, seit einiger Zeit geprägt vom nahen Truppenübungsplatz.

Am Ortseingang von Großschenk: Das war einmal ein Fiat 2300 Berlina

Inzwischen gibt es sogar eine Tankstelle, eine junge, blondierte Kassierin blickt erstaunt auf, als ich sie auf rumänisch anspreche, offenbar hatte sie das angesichts der Africa Twin nicht erwartet. Im nahen Laden kaufe ich etwas Brot und abgepackte Mini-Frikadellen für ein Picknick.

Danach nehme ich die Straße Richtung Reps, inzwischen hat sich der Himmel verdunkelt und es regnet immer wieder mal. Irgendwo im Wald zwischen Rohrbach (ein sehr kleines, unscheinbares Dorf mit einer malerischen Wehrkirche auf einem Hügel im Osten des Dorfes) halte ich an, koche einen Kaffee, esse die Frikadellen.

Bekokten, einer meiner Lieblingsorte in Siebenbürgen

Bekokten ist mein nächstes Ziel, die Straße ist nur zum Teil asphaltiert, aus dem Wald windet sie sich durch Wiesen und Weiden, und dann taucht der Turm der Kirche in der Senke auf. Hier hatte mein Großvater seine erste Pfarrstelle, mein Vater verbrachte hier seine ersten Lebensjahre und Jahre später war meine Mutter als junge Lehrerin an der Schule. Ich selbst war allerdings, einschließlich diesmal, erst zwei Mal da.

So sieht Bekokten von der Hofeinfahrt des Pfarrhauses aus

Ich sitze noch etwas am Viehbrunnen in der Ortsmitte, es ist sehr still hier. Angeblich verdankt der Ort seinen etwas seltsam klingenden Namen diesem Brunnen: er kommt angeblich vom ungarischen Báránykút, was so viel wie Lämmerbrunnen heißt.

Kirchenburg und Saal in Trappold

Später stoppe ich noch kurz in Trappold, auch hier hat meine Mutter unterrichtet, allerdings viel später, als wir selbst bereits Schüler waren. Und ich halte am Schaaser Feld an einer alten Eisenbahnbrücke der längst nicht mehr existierenden Schmalspurbahn nach Agnetheln. Als Kind bin ich die 15 km von Schäßburg nach Trappold und wieder zurück oft mit dem Fahrrad gefahren, nie ist mir die Brücke aufgefallen.

Eisenbahnbrücke über den Schaaser Bach

Kurze Zeit später sitze ich in der Pension im Haus mit dem Hirschgeweih, hier hat, während der Kindheit meiner Mutter ihre Großmutter gewohnt. Ich gehe was essen und als ich zurückkomme, scheint der Vollmond hinter dem Stundturm auf den Burgplatz. Und ich habe noch keine Ahnung, was ich morgen machen werde.

Samstag, 20. April

Start in Schässburg

Schon ist der nächste Tag vorbei. Ich starte recht früh, sitze um 10 auf dem Motorrad. Ich fahre zuerst wieder in Richtung Agnetheln, dann nach Jakobsdorf. Dort wurde die Kirchenburg auf umstrittene Art und Weise restauriert, sieht aber nicht so schlimm aus, wie ich befürchtete.

Ich frage ein paar Kinder im Dorf, ob die Straße über den Berg nach Probstdorf führt, sie sagen ja, aber es sei weit, doch die Straße gut. Ich probiere es aus, kehre aber bald um, der Weg ist sehr ausgefahren und es liegt so viel Müll herum, dass ich fürchte, über eine Blechkante, einen Nagel oder ähnliches zu fahren. Muss nicht sein.

So fahre ich ganz langweilig über die Asphaltstraße nach Probstdorf, da war ich noch nie. Dort soll es heute eine Veranstaltung einer örtlichen Armutsbekämpfung-Initiative geben, also schaue ich mal vorbei. Als ich den Helm an der Kirchenburg abnehme, höre ich die Blasmusik. Sie spielt die Alkoholiker-Hymne „Trink. trink, Brüderlein, trink“. Da will ich schon umkehren, gehe aber dennoch zum Tor. Eigentlich nur mit Anmeldung, sagen die Mädels am Einlass. Es gibt Brunch mit traditionellen Gerichten, Blasmusik und später kann man die Werkstätten der Initiative besichtigen und mit dem Pferdewagen durchs Dorf fahren. Ich überlege, aber die Blasmusik spielt als nächstes „Bubi, Bubi, noch einmal“ und nimmt mir so die Entscheidung hab.

Probstdorf, hinter der Honda steht eine alte Waage für Fuhrwerke, dahinter die Kirchenburg

Nee, lasst mal stecken, Mädels, ich hab besseres vor. Zum Beispiel nach Roseln fahren. Dort kaufe ich ein paar Flaschen Wasser sowie rund 20 cm Wurst zum Reinbeißen. Schmeckt vielleicht nicht so gut, wie die lokalen Produkte im Nebental, dafür spielt keine Blasmusik, wenn ich sie esse.

Die Nebenstraße nach Roseln scheint durchs Dorf weiterzugehen, auf dem Navi ist sie als Kreisstraße ausgewiesen. Wird also nicht so schlimm sein. Allerdings erkenne ich auf dem Navi nicht, wohin sie führt, nach Norden jedenfalls. Ich folge ihr aus dem Dorf und entdecke eine der schönsten Strecken, die ich kenne: 15 km durch den Wald, über Hutweiden und Wiesen, die Sonne scheint, alles erinnert mich sehr an die sonntäglichen Ausflüge im Frühjahr auf die Schäßburger Breite, wo es so ähnlich aussieht.

Nördlich von Roseln wird es einsam

Kein Mensch, kein Haus, kein Telefonnetz. Und wahrscheinlich auch keiner, der dir hilft, wenn was passiert. Vor allem, wenn man allein unterwegs ist. Ich fahre dennoch weiter, begegne einem alten Mann in einem ebenfalls betagten Land Rover Freelander Serie 1, der im Schatten parkt und bei offener Tür schläft. Später kommt mir ein betagter Pajero entgegen. Das war’s.

Ach ja, ich weiß immer noch nicht, wo es eigentlich hingeht. Nach 45 Minuten allein im Wald komme ich in ein Dorf, ich hatte mit Malmkrog gerechnet, lande aber in Neudorf, Noul Sasec, und dann in Rauthal, also ein Tal weiter östlich. Hier kommen mir drei BMW F 650 entgegen, anscheinend kennen auch andere die Strecke.

Picknick im Pruden mit Gaskocher, Kaffee und Wurst aus Roseln (nicht im Bild)

Wenn ich schon mal hier bin, kann ich auch nach Pruden fahren, dort sind meine Großeltern begraben, die letzte Pfarrstelle meines Großvaters. Kurz vor Pruden mache ich meinen Lunchstopp, esse die Wurst und liege in der Sonne. Dann fahre ich zum Friedhof. Der liegt einsam und friedlich, es gibt deutlich schlechtere Orte zum Beerdigtsein.

Friedhof in Pruden, ein friedlicher Ort

Danach beschließe ich nach Schäßburg zurückzufahren, mache aber einen Umweg über Kreisch und Peschendorf. In Kreisch wird gerade das Bethlen-Schloss restauriert, in den 80ern war es eine einsturzgefährdete Ruine. Später am Abend sitzt im Restaurant ein aktueller Graf Bethlen am Nebentisch. Sagte mir jemand, der ihn kennt.

Sonntag, 21. April

Der erste Tag, an dem ich keinen Meter Motorrad gefahren bin, zum Einen, weil mein Schnupfen/die Halsschmerzen schlimmer geworden sind, zum Anderen, weil ich in den Ostergottesdienst in der Klosterkirche gehe. Der findet nicht im eigentlichen Kirchenraum statt, sondern im Andachtsraum im Seitenschiff. Da ist es etwas eng, jedenfalls, wenn mehr als hundert Menschen drin sind. Dort treffe ich einige Leute aus der Generation meiner Eltern, die mich von früher kennen, wobei mit einige genau vier gemeint sind.

Und zwei treffen mich: Ein Mann in etwa meinem Alter kommt auf mich zu. fragt, ob ich ich sei, und sagt, er sei Otti Brandsch. Klar, da erkenne ich ihn auch, und er sagt, er sei mit Peter Ambrosius (Piser) da, dem habe er gesagt, ich sei das bestimmt. Wir begrüßen uns und Piser sagt, ich solle doch mit zu ihm kommen, seine Frau habe ein Lamm im Ofen.

Das machen wir dann auch, und ich verbringe den Rest des Ostersonntags dort, mit Piser, Otti und deren Familien, bei Lamm, später Kaffee und Kuchen und noch später Abendessen. Beide leben ja hauptsächlich in Deutschland, sind aber noch oft in Schässburg. Piser hat eine riesige Sammlung von Fotos, Büchern und sonstigem aus der Geschichte Schäßburgs, allein damit könnte man Tage zubringen.

Am Montag geht’s wieder aufs Motorrad, Ost-Nordtour, das heißt, ich will über Klosdorf und Draas ins Szeklerland und auf verschlungenen Pfaden zurück. Na dann mal los.

Montag, 22. April

So, das war er nun, mein letzter Tag in Schäßburg. Eigentlich will ich erst nach Klosdorf, dann nach Draas und schließlich über eine Runde durchs Szeklerland zurück fahren. Für den Abend haben wir uns mit Peter und Otti in einem Restaurant verabredet, sie wollen erst bespritzen gehen (für alle Nicht-Insider: eine traditionelle Ostermontag-Aktion, auf die ich hier jetzt nicht näher eingehen will).

Es ist schon kalt und windig, als ich vormittags am Haus mit dem Hirschgeweih starte, und der Himmel sieht nicht ao aus als würde es besser. In Klosdorf sieht es ziemlich trostlos aus. Nicht nur wegen des Wetters. Die Kirche wurde anscheinend kürzlich ein wenig renoviert. Ich suche den Friedhof, frage einen alten Mann nach dem Weg. Er deutet auf einen Hügel hinter dem Dorf, sagt aber, den direkten Weg könne ich nicht nehmen, die Brücke über den Bach nicht mehr begehbar.

Gott behüte, dass noch ein Sachse stirbt in Klosdorf, sagt er, man könne ihn nicht einmal zum Friedhof bringen. Ich fahre auf einem kleinen Umweg hin, der Friedhof wirkt sehr trostlos, das jüngste Datum, dass ich finde, ist von 1982. Und, anders als erwartet, sehe ich keine vertrauten Namen.

Klosdorf vom Friedhof aus gesehen

Ich fahre weiter, in Reps biege ich ab, um mir die so umstrittene Restaurierung der Bauernburg anzuschauen. Man kann ja dazu geteilter Meinung sein, doch ich finde, hier wurde eine ehrwürdige, imposante Ruine in eine Filmkulisse verwandelt. Falls jemand eine Location sucht, um ein Sequel von „The Princess Bride“ zu drehen, hier ist sie. My name is Inigo Montoya, you killed my father, prepare to die, fällt mir dazu ein…

Nach Draas also, es ist nicht weit aus Reps, fahre durch Hamruden und Katzendorf bis vor die Draaser Kirchenburg. Als den Motor abstelle und den Helm abnehme, höre ich die Glocke läuten. Komisch, die Burg ist doch seit 1944 verlassen. Draas lag damals an der kurzlebigen, nach dem zweien Wiener Schiedspruch gezogenen Grenze zwischen Ungarn und Rumänien. Damit waren die Einwohner von den Evakuierungsmaßnahmen betroffen, die die sogenannte Volksgruppenführung mit dem SS-Mann Andreas Schmidt und der Waffen-SS unter dem siebenbürgsich-sächsischen General Artur Phleps durchführten. So ging übrigens das berühmte Draaser Schwert verloren. Angeblich hat es der Landesbauernführer Hans Kaufmes persönlich an sich genommen und auf einen Wagen der Waffen-SS verfrachtet haben, gegen die Proteste des Pfarrers und der Draaser Kirchenväter. Danach soll das Schwert Himmler übergeben worden sein, doch ein Beleg dafür ist mir nicht bekannt.

Kaufmes, einer der sächsischen Obernazis und bis 1944 Vizebürgermeister von Kronstadt, ging übrigens nach dem Krieg auf Tauchstation, promovierte in Österreich in Agrarwissenschaften, wanderte dann in die USA aus, wo er bis zu seinem Ruhestand unbehelligt als Assistant Professor für Viehzucht arbeitete. Aber das ist eine andere Geschichte

Die Kirche in Draas wird gerade restauriert

Das Tor, vor dem auf dem berühmten Bild, das ich hier aus rechtlichen Gründen nicht zeigen darf, die Kirchenväter mit dem Schwert posieren ist verrammelt, doch eine Seitentür steht offen. Es läutet immer noch. Ich gehe rein, die Kirche ist leer, der Fußboden provisorisch mit Spanplatten ausgelegt.. An den Wänden sind die berühmten Wandmalereien aus dem 14. Jahrhundert zu sehen. Kaum vorstellbar, vor 700 Jahren pinselten ein oder mehrere Meister hier Heiligenbilder an die Wand, damals hatte vermutlich die Kirche gerade erst die Ringmauer erhalten, die jetzt draußen vor sich hinbröckelt.

So sieht es drinnen aus

Sie malten ihre Bilder an die Wände, wahrscheinlich auf einem Gerüst, vielleicht haben sie aus den Fenstern geblickt, ob Reiter über die Hügel kommen. Hinter Draas hörte das Sachsenland auf.

Wandmalerei in Draas

Das Läuten hat inzwischen aufgehört, ich wandle noch etwas durchs Kirchenschiff. Als ich wieder raustrete, ruft mir von oben jemand was zu. Ich blicke hoch, vom Turm blickt ein Mann runter und fragt auf rumänisch, was ich da mache. Ich sage, mich umschauen. Wer hab das denn erlaubt habe? Niemand, sage ich, die Tür war offen. Das sei streng verboten, und ich solle schnell verschwinden. Denn wenn die Chefin käme, würde sie schimpfen, also mit ihm, nicht mit mir.

Alles klar, Chef, ich gehe ja schon. Draußen schaue ich mir das Tor nochmal an, da steht nichts vom Verbot drauf. Ich freue mich, dass ich mir die Kirche verbotenerweise anschauen konnte und fahre weiter. In Richtung Nordosten, der Regen wird wieder stärker, und kalt es ist ebenfalls.

So macht das keinen Spaß, ich gebe dem Wetter noch eine Chance bis Odorhei. Es nutzt sie nicht, es regnet weiter. Also fahre ich über Cristuru Secuiesc zurück nach Schäßburg.

Und morgen packe ich meine Sache und nehme die letzten 1300 km meiner Reise in Angriff.

Mittwoch, 24. April

Das ging ja schnell, ich bin wieder zuhause, zehn Tage, 3600 km und 195 Liter Superbenzin nach dem Start ist meine Reise zu Ende. Gestern bin ich in Schäßburg losgefahren, um 8.30 habe ich zur Stundturmuhr hochgeschaut und bin losgefahren. Da war das Wetter noch ok, sonnig, trocken, um die 12 Grad. Je weiter ich nach Westen kam, desto trüber und kälter wurde es.

Knapp 75 Minuten nach dem Start bin ich bereits in Hermannstadt, nehme die Autobahn. Bei Broos/Orastie fahre ich runter, tanke und fahre durchs Stadtzentrum. Am Montag war ich noch in Draas. Zurück auf die Autobahn, das läuft gut, nur mittendrin ist sie noch im Bau, die Umleitung ein bestimmt 50 km langes Ärgernis aus Lkw-Kolonnen, Ortsdurchfahrten und Zusatz-Baustellen. Das nervt und dauert. Als es wieder auf die neue Autobahn geht, beginnt es zu regnen, erst wenig, dann immer mehr. Die letzten 150 km bis zur Grenze fahre ich in mehr oder weniger dichten Wasserschleiern. Und kalt ist es. Wenigstens halten meine Motorradklamotten dicht, die neuen Stiefel ebenfalls,

An der Grenze Stau, und zwar mindestens zwei Kilometer, zwei Spuren, nichts bewegt sich – Osterverkehr. Ich taste mich zwischen den Kolonnen durch, warte, ob einer protestiert, macht jedoch keiner. Also werde ich mutiger, schlängele mich über Standspur und zwischen den Kolonnen bis zur Kontrollstelle vor. Am rumänischen Abfertigungsschalter sitze ein gelangweilter Beamter. Ich muss warten, weil der ungarische Beamte das Auto vor mir aufwendig untersucht.

Ich blicke fragend zu dem Rumänen, der zuckt mir den Schultern und brummelt sowas wie: Schengen-Aussengrenze, und dann auch noch diese Ungarn. Auf rumänisch, keine Ahnung, ob er damit rechnet, dass ich ihn verstehe.

Dann bin ich dran, der ungarische Beamte winkt mich gelangweilt weiter. Der Regen hat aufgehört, kalt ist es immer noch. Ich fahre Richtung Szeged, esse zwischendurch eine Gulaschsuppe zum Aufwärmen und beschließe weiterzufahren, so lange ich mich gut fühle.

Die Gulaschsuppe ist gut, ein kleiner Kessel voll für 1400 Forinth

Viel Verkehr um Budapest, es beginnt wieder zu regnen, ich fahre dennoch weiter, an Tatabanya und Györ vorbei, dann bin ich schon in Hegyeshalom beim Hotel mit den zwei k.

Das Zimmer kostet immer noch 43 Euro mit Frühstück, ich esse zwei kleine Schnitzel mit Pommes und sehe dabei auf dem Navi, dass ich 800 km in zehn Stunden gefahren bin. Auch nicht schlecht.

So habe ich heute die Muße, ein wenig durch Österreich zu bummeln, es wartet ja in München keiner auf mich. Ich fahre bei Mayerling von der Autobahn, werfe einen Blick auf das Jagdschloss, in dem der Thronfolger und Erzherzog Rudolf 1889 vermutlich erst ein 17jähriges Groupie und dann sich selbst erschoß. So wurde sein Cousin Franz-Ferdinand Thronfolger, der ja dann 1914 auf dem Rücksitz eines Gräf&Stift-Doppelphaeton in Sarajevo erschossen wurde.

Nun ja, die Habsburger… Ich fahre weiter nach Westen durch die Berge auf kleinen Straßen, das Navi macht das großartig. Irgenwann lande ich in Mariastift an der Quelle der Ybbs. Am Fluss entlang komme ich nach Amstetten, wieder Autobahn, Sonne, Wärme. Nur der Wind nervt.

Noch einmal tanken, Stau am Mittleren Ring, dann bin ich wieder zuhause. Im Fernsehen spielen Bremen gegen Bayern im Pokal-Halbfinale und ich muss noch einiges sortieren. Nicht nur den Inhalt der Honda-Packtaschen.

7 Kommentare

  1. Michael Harnischfeger

    Das klingt wie eine ungemein wichtige Reise, deren Eindrücke lange nachhallen werden. Wir schrieben ja darüber, dass auch ich mit zunehmendem Alter mehr Interesse an den Wurzeln meiner Familie registriere. Weiterhin gute Fahrt!

    • Heinrich

      Danke Michael, endlich kommentiert mal einer was, ich dachte schon, ich schreibe hier nur für mich!

  2. Michael Harnischfeger

    Ach, da hätte das Wetter aber noch etwas länger mitspielen können. Schade! Hier hat es sch auch mächtig gedreht, die heiße Trockenphase ist vorüber. Gute Fahrt, bleib trocken und oben!

  3. Birgit Hellmann

    Wäre schade, wenn du nur für dich schreibst! Der Reisebericht & die Fotos sind super – wir sind allerdings eher zufällig drauf gestoßen. Vielleicht kennen nicht so viele Leute Deinen Blog?! Wir hoffen jedenfalls, dass wir noch mehr zu lesen bekommen! Maggi & Jo

  4. Fred

    Bin zufällig hier gelandet. Mich würde interessieren, in welchem Jahr Du die Tour gemacht hast.
    Ich bin selber viel mit dem Motorrad in Rumänien unterwegs.

    • Heinrich

      Die Siebenbürgen-Tour war in diesem Jahr, Ostern 2019….

  5. Martin Zinz

    Hallo Heinrich, welch ein herrlicher Reisebericht ist mir durch Zufall beim surfen auf dem Bildschirm erschienen, gleich nach dem lesen der ersten Sätze habe ich mich in Gedanken auf den Beifahrersitz geschwungen und bin jeden Kilometer mitgefahren, sogar die Schlaglöcher auf den abenteuerlichen Nebenstrecken waren zu spüren. Natürlich kenne ich das Land jenseits der Wälder Transylvanien-SIEBENBÜRGEN und man fühlt sich auch nach vielen, vielen Jahren immer wieder hingezogen in die Heimat unserer Eltern den „…anders rauschen die die Brunnen, anders rinnt hier die Zeit“. Ich hoffe du unternimmst noch weitere Touren in diese winzige Ecke Europas mit seiner herrlichen Natur, den vielen Kirchenburgen und lieben Menschen. Allzeit gute Fahrt und immer genügend Luft in den Reifen.

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