Das nächste Kapitel meiner Motorrad-Abenteuer: Ich versuche mich an einem Iron Butt-Ride. Die einfachste Übung: mindestens 1600 km (1000 Meilen) in 24 Stunden zu fahren. Mit dem Motorrad. Verrückt. Aber lest selbst!

 

Puh, wo beginne ich hier? Auf die Iron Butt Association bin ich gestoßen, als ich vor zwei Jahren zur Vorbereitung auf den USA-Trip alle möglichen Motorradseiten und -Blogs durchforstete. Es ist eine Art Club von (fast ausschließlich männlichen) Motorradfahrer, die gern lange Strecken fahren und dabei ein paar zusätzliche Herausforderungen suchen. Die Einstiegsübung: Saddlesore 1000, also 1000 Meilen in weniger als 24 Stunden.

Im metrischen Europa sind es 1600 km, und in Deutschland gibt es eine verschärfte Variante: Saddlesore 1600K 16-24. Das bedeutet, zusätzlich zu den 1600 km in 24 Stunden muss der Fahrer in allen 16 Bundesländern gewesen sein und das durch eine Tankquittung dokumentieren. Mein Interesse war geweckt.

Einige Beiträge im Iron Butt-Forum inspirierten mich zu einer Route, sie sieht so aus:

So sieht meine Strecke aus: Start und Ziel in Schnaittach, nördlich von Nürnberg

Schnaittach habe ich ausgewählt, weil aus München der Weg in die nächsten Bundesländer zu weit ist. Wir haben Familie da in der Nähe, also könnte man im Sommer dort ein Wochenende verbringen und ich mal eben eine Runde durch Deutschland mit dem Motorrad fahren.

Am 10. August bin ich kurz vor 6 im Morgengrauen unterwegs zur Autobahnauffahrt Schnaittach. Ich kann es nicht glauben, dass ich das wirklich tue. Es hat geregnet, die Landstraße ist noch nass und besonders warm ist es ebenfalls nicht.

Kurz vor 6, es geht los!

Die erste Tankung, Kilometerstand 7255, Schnaittach, an der A9

Kurze Zeit später bin ich auf der Autobahn, der Tank ist voll und so ungefähr 1700 km liegen vor mir, fast ausschließlich Autobahn. Inzwischen ist es hell, wenig Verkehr, aber dennoch erstaunlich, wie viele Leute an einem Samstag um diese Zeit unterwegs sind.

Ich fahre so 140-150 km/h, da sind Winddruck- und Geräusche nicht sonderlich störend. Die Route habe ich auf mein Garmin hochgeladen, es zählt geduldig die km bis zum ersten Tankstopp in Thüringen herunter. Die Tankstopps habe ich natürlich ebenfalls geplant. Sieht mir gar nicht ähnlich, doch der Plan sieht etwa so aus:

tourdeallemagne

Dazu muss ich jeden Tankstopp dokumentieren, den Beleg zusammen mit dem Kilometerstand des Motorrads fotografieren. So kann ich dokumentieren, dass ich den Ride tatsächlich gefahren bin.

So sieht ein Tankfoto aus, das ist das erste aus Schnaittach

Die A9 Richtung Süden ist ebenfalls eine alte Reichsautobahnstrecke. Obwohl sie zwar nach der Wiedervereinigung ausgebaut und die Routenführung zum Teil abgeändert wurde, ist immer noch als Reichsautobahn erkennbar. Die Route über Berg und Tal, die als Kreissegmente ausgeführten Kurven, so hat man vor dem Krieg Autobahnen gebaut. Heute werden Kurvenverläufe in Übergangsbögen, sogenannten Klothoiden angelegt.

Bald komme ich an die Zonengrenze, dann bin ich in Thüringen, der zweite Tankstopp ist gleich fällig. Bald kann ich das zweite Bundesland abhaken: Bayern, Thüringen.

Zum Glück entscheidet sich das Wetter, etwas freundlicher zu werden. Immerhin ist die Autobahn trocken und es wird etwas wärmer. Das Thermofutter meiner ixs-Jacke habe ich erst gar nicht mitgenommen und statt der  zur Jacke gehörenden Textilhose ich meine Kevlar-verstärkte Motorradjeans gewählt. Es ist ja schließlich Sommer.

Tankstopp zwei: Hermstorfer Kreuz, die ersten zehn Prozent sind geschafft

 

Anhalten, tanken, weiterfahren

Ich komme dabei an weiteren Reichsautobahn-Spots vorbei, der Raststätte am Hermstorfer Kreuz und dem Schkeuditzer Kreuz, dem ersten Kleeblatt-Autobahnkreuz der Welt. Dort ist der dritte Tankstopp fällig: Sachsen, check.

Inzwischen ist der Verkehr in Richtung Berlin deutlich dichter geworden, viele Baustellen und viele nervige Autofahrer. Für den Sachsen-Anhalt-Stopp verlasse ich kurz die Autobahn und fahre zu einer Tankstelle an der Landstraße nach Dessau. Schneller Tankstellen-Kaffee, ein paar Schluck Wasser, weiter geht’s.

Bald biege ich auf die A10, Tankstopp Brandenburg, ein paar Minuten später bin ich in Berlin, rolle die Avus hinunter, ein weiteres Straßenbau-Denkmal. Für den Berlin-Tankstopp verlasse ich die Stadtautobahn und fahre ein paar Meter in die Hubertusallee in Richtung Grunewald. Ein kleiner Umweg, ich weiß, aber so sehe ich wenigstens etwas von Berlin, nicht bloß eine Tankstelle an der Avus.

Tanken an der Hubertusallee, ein paar Minuten Berlin

Weiter geht’s nach Nordwesten. So schön langsam kriege ich wirklich Hunger. Es ist zwar erst kurz vor 11, aber immerhin bin ich bereits seit fast fünf Stunden unterweg. Und habe bereits sechs Bundesländer abgehakt. Das nächste ist bald dran, Meck-Pom ist von der nordwestlichen Berlinger Stadtgrenze nicht mehr so weit. Die Autobahn in Richtung Hamburg besteht zu großen Teilen aus Baustellen, nun ist wirklich richtig viel Verkehr.

Einen richtigen Zeitplan habe ich mir vorher nicht gemacht, ich würde nur gern nicht mehr als eine Stunde nach Mitternacht wieder in Schnaittach sein. 100 km nach Berlin, halb 12, noch über 1000 km zu fahren, Zeit für einen Burger.

In diesem Fall halte ich mich nicht an die Empfehlungen der Iron Butt Association, die da lautet: keine üppigen Mahlzeiten, kein Kaffee. Ich biege ab zu einem Burger King. Inzwischen scheint die Sonne, es ist allerdings nicht so warm, dass es lästig würde.

Burger-Pause in Mecklenburg

Ich setze mich mit meinem Whopper (okay, Doppel-Whopper) nach draußen. Da sitzt bereits eine Gruppe Motorradfahrer, deren Bikes ebenfalls davor stehen. Die Motorräder haben norddeutsche Kennzeichen, sie blicken nicht auf, unterhalten sich weiter miteinander. Das ist bei uns im Süden oder Westen doch ein wenig anders: ein kurzer Blick, wenigstens ein Nicken, das wäre normal.

Naja, der Whopper schmeckt auch so. Und sesshaft werden will ich hier auch nicht, also weiter geht’s. Den Meck-Pom-Tankstopp erledige ich ganz unspektakulär an der Autobahntankstelle Stolpe Nord.

Bald komme ich in bekannte Gefilde, rechts der Autobahn liegt das Biospährengebiet Schalsee. Da haben wir mal Autos getestet, die sogenannte Zarrentin-Runde. Das ist nun auch schon ein paar Jahre her.

Dann wieder Zonengrenze und direkt danach die Tankstelle für Schleswig-Holstein. Hier haben die Autos RZ-Kennzeichen, und nicht allzuweit entfernt, habe ich mal ein Jahr lang gewohnt. Die A24 hieß ja einmal Reichsautobahn 44 Hamburg-Berlin. Sie beginnt am Horner Kreisel ein paar Kilometer weiter westlich. Das große Betonschild mit der Aufschrift „Bundesautobahn“ stand schon 1940 da, nur mit leicht anderer Beschriftung.

Ich biege auf die A1 ab, Baustellen, Stau, Urlaubs-Rückreiseverkehr aus dem Elbtunnel, Stop&Go, ich schleiche mich durch bis zur Tankstelle Stillhorn, Hamburg abgehakt. Bald danach bin ich auf der A1 in Richtung Bremen, ab hier geht’s wieder nach Süden, aber immer noch habe ich mehr als die Hälfte der Strecke vor mir.

Bis jetzt habe ich außer der Burger King-Pause nur zu den obligatorischen Tankstopps angehalten, neun Bundesländer besucht, dennoch sind kaum mehr als acht Stunden seit dem Start vergangen.

Das mit dem guten Wetter hat sich auch erledigt, ein kurzer Regenschauer fegt über die A1, ich werde ein wenig nass, Regenwasser rinnt meine Jeans hinunter, kein Problem, nach ein paar Sonnen-Kilometern bin ich wieder trocken.

In Bremen muss ich ebenfalls kurz runter von der Autobahn, Bundesland Nummer zehn, weiter. Danach wieder Baustellen, Stau. Und auf der Gegenfahrbahn eine skurrile Szene: In der engen Baustelle wird ein älterer A6 (für die Insider: ein C6)  vom Fahrer und einem uniformierten Polizisten geschoben, ein Streifenwagen mit Blaulicht sichert nach hinten ab, während sich dahinter eine kilometerlange Stau-Karawane gebildet hat.

Der nächste Regenschauer, zum Glück ebenfalls ein kurzer, es wird der letzte für diesen Tag bleiben. Beim Rasthof Damer Berge halte ich für meinen Niedersachsen-Stopp. Es ist nach 16 Uhr, also muss ich im Smartphone in die Kicker-App nach dem Zwischenstand im DFB-Pokal schauen. Fortuna spielt in Villingen, liegt 0:1 zurück. Bei einem Fünftligisten!

Hätte ich mal lieber nicht in die Kicker-App geschaut

Das beschäftigt mich auf den eher langweiligen Kilometern durch Niedersachsen, vorbei an Osnabrück, Münster, Dortmund-Lichtendorf. In Villingen gibt es Verlängerung, und Düsseldorf gewinnt letztlich.

Vor der Fahrt hatte ich überlegt, dass ich, wenn am Nachmittag die Müdigkeit zuschlägt, bei Verwandten in Münster oder Freunden in Köln eine Stunde auf einem Sofa ausspannen könnte. Nö, kein Bedarf, ich fahre vorbei, auch an Köln.

Am Westerwälder Tor mache ich einen kurzen Stopp. Das Überführungsbauwerk aus den späten Dreißiger Jahren kenne ich seit der Schulzeit in Düsseldorf. Wir nannten es das „Tor zum Süden“, weil das Passieren der Brücke meist der Auftakt zu einer Fahrt nach Süden war. Nach Köln oder Bonn kommst du so schon mal, aber wenn du mal hier durch bist, dann fährst du meist weiter. Nach Süden.

Das Tor zum Süden aus der Motorrad-Perspektive

Die Schatten werden länger, der Rheinland-Pfalz-Stopp ist auch bald fällig. Und Hessen ist nah, Medenbach, da war ich bestimmt hundert Mal. Jetzt fehlen mir nur noch zwei Bundesländer, Saarland und Baden-Württemberg. Über Mainz fahre ich nach Westen, der untergehenden Sonne nach. Über den Rhein, in die Weinberge, bis Kaiserlautern ist es dunkel. Bei Ramstein biegt die Autobahn um die Air Base. Während des Krieges wurde hier die Autobahn als Flugplatz genutzt, die US-Army übernahm den Standort, die neue Fahrbahn wurde um die Startbahn herum gebaut. Auf Google Maps ist die alte Autobahnroute noch gut erkennbar.

Die Tankstelle im Saarland liegt günstig, du fährst ins Saarland rein, erste Abfahrt raus, in Ost-Richtung wieder auf die Bahn, dann kommt schon die Tankstelle. Inzwischen ist es halb zehn, die letzte Mahlzeit war der Burger in Mecklenburg vor über 800 km.

Bockwurst und Aufbackbrötchen im Saarland

Ich hole mir in der Tankstelle eine Trucker-Bockwurst, sie schmeckt besser als sie aussieht, das Brötchen freilich nicht. Dazu trinke ich eine Nestea-Flasche  leer. In drei Stunden will ich am Ausgangsort sein, das sollte machbar sein.

Die Autobahn ist inzwischen fast leer, ich fahre so 140 bis 160 km/h, noch ein Tankstopp bei Sinsheim, dann nur noch 200 km. Die Abfahrt aus dem Pfälzer Wald ins Rheintal sieht bei Nacht ziemlich spektakulär aus. Ich habe keinen so richtigen Blick dafür, versuche, das Tempo auf der Abfahrt zu halten, fahre an ein paar Autos vorbei, die vor den Kurven bremsen.

Bald danach abbiegen auf die A61, Rheinbrücke, Hockenheim, A6, das könnte ich fast mit geschlossenen Augen fahren. Noch einmal tanken, hinter Crailsheim eine kurze Dehn- und Pinkelpause auf einem dunklen, etwas unheimlichen Parkplatz, und dann bin ich wieder im Großraum Nürnberg. Etwas müde, verspannt, der Kopf dröhnt leicht, es war dennoch eine gute Idee, die Ohrenstöpsel einzusetzen. Zudem beginne ich zu frösteln, den Notpullover aus dem Topcase habe ich im Saarland untergezogen.

Ausfahrt Schnaittach, volltanken. Kilometerstand 9032, es ist viertel vor eins. 18,5 Stunden war ich unterwegs, die Africa Twin hat im Schnitt 6,5 Liter verbraucht, ich zwei Liter Wasser, zwei Kaffee, zwei Müsliriegel, eine Flasche Nestea, einen Doppelwhopper samt 0,5 Liter Cola light und großer Portion Fritten.

Angekommen, keine 1776 km später

Ich fahre noch die paar Kilometer bis nach Weißenohe, stelle das Motorrad ab, Füße und Hände kribbeln etwas. Sonderlich müde fühle ich mich nicht, brauche eine Stunde bis die Systeme soweit runtergefahren sind, dass ich schlafengehen kann.

Nach rund 19 Stunden bin ich im Ziel, ich stelle das Motorrad in Weißenohe ab

Die Tankquittungen lasse ich im Topcase. Wenn ich nun alles richtig gemacht habe, reicht das locker für ein Saddle Sore und die 16/24- 16 Staes of Germany.

Ein paar Tage später stelle ich die Dokumentation zusammen und maile alles an die Iron Butt Association, zahle die Gebühr und bin bald danach ordentliches Mitglied der Iron Butt Association.

Zwei Urkunden und ein Aufkleber, der inzwischen mein Hepco&Becker-Topcase ziert

 

Ein Fazit? Die Fahrt war lang, anstrengend, aber weniger ermüdend, als ich anfangs befürchtete. Ich habe jeden Kilometer genossen, das Fahren, Tanken, Quittungen fotografieren hat etwas Hypnotisches. Natürlich hätte ich auch so einfach eine Runde durch Deutschland fahren können. Doch es wäre nicht das selbe.

Für nächstes Jahr habe ich mich für eine kleine IBA-Fahrt angemeldet. Mal sehen, vielleicht wird da mehr draus.